Selbstverständnis der Digital Natives - Evolutionsweg eines Online Pure Players

19. November 2018

Vom Online-Shop zum stationären Handel

Es klingt schon etwas verrückt, wenn das Berliner Start-up Shoepassion, das mit seiner Eigenmarke zunächst ausschließlich online unterwegs war, nun in den stationären Handel einsteigt – und das höchst erfolgreich. „Zu einer Zeit, in der alle Branchen Marktanteile durch Digitalisierung gewinnen möchten, geht Shoepassion den analogen Weg“, sagt Jens Durgeloh von der Deutschen Bank zur Einführung und heißt die zahlreichen Mitglieder und Gäste des Marketing Clubs OWL Bielefeld in der Innenstadt-Filiale herzlich willkommen.

Der Referent, Tim Keding CEO der Shoepassion GmbH, ist ein Digital Native, wie er im Buche steht. Seit 1993 ist er im Netz. Aus seiner Leidenschaft für Schuhe entstand seine Geschäftsidee: Eine eigene Kollektion rahmengenähter Herrenschuhe im Direktvertrieb zu präsentieren und dabei die Vorteile des digitalen Zeitalters zu nutzen. Mit diesem Konzept fand sein Start-up früh eine eigene Nische im stark wachsenden Online-Schuhhandel.

Nachdem die Herrenschuhe auch die Damenwelt begeisterte –, „Wir stellten fest, dass die Damen häufig unsere Modelle in der kleinsten Größe kauften“, schmunzelt Tim Keding –, bietet Shoepassion nun auch eine Kollektion für Damen an und hat sich zudem für Sneaker geöffnet. Die Schuhe von Shoepassion werden in europäischen Manufakturen in Handarbeit gefertigt. Die Online-Stores in verschiedenen Sprachen und acht Ländern bieten übrigens mehr als „nur“ den Schuhkauf und Accessoires. „Wir haben bewusst eine Schuhenzyklopädie mit aufgeführt, denn heute weiß kaum noch jemand, wie man Schuhe richtig pflegt“, so der Geschäftsführer. In den elf Stores werden zudem Schuhpflege-Seminare, begleitet von Wein und Häppchen, angeboten. „Nicht selten treffen hier Schuh-Fans aufeinander, die den Laden erst morgens um zwei wieder verlassen“, freut sich Tim Keding über das Interesse. „Damit gewinnen wir Multiplikatoren und unsere Kunden bleiben mit der Marke in Kontakt.“

Der analoge Weg

Wie kam es jedoch initial dazu, zusätzlich zum erfolgreichen Online-Geschäft auf den stationären Handel zu setzen? „Anfangs hatten wir in Berlin ein Büro in der fünften Etage“, erinnert sich der gebürtige Löhner. „Und es kam immer mal wieder vor, dass Kunden, die unsere Adresse im Impressum nachgeguckt hatten, bei uns standen und fragten, ob sie Schuhe anprobieren dürften.“ Deshalb wurde im nächsten Schritt eine Location gesucht, in der die zunächst aus 21 Schuhen bestehende Kollektion präsentiert werden konnte. Bereits nach einem Jahr schlug der Umsatz mit dem Ladengeschäft mit einer halben Million Euro zu Buche. Heute sind die Shoepassion-Stores in den Metropolen der Republik und in Wien und Zürich zu finden. „Wir unterscheiden nicht zwischen on- und offline“, betont Tim Keding. Wichtig sei es, den Kunden zu erreichen – auf welchem Kanal auch immer.

Auch wenn es Tim Keding nach seinem E-Business-Studium an der Bielefelder FHM und anschließend in den USA 2008 nach Berlin verschlug, so blitzt die Bodenständigkeit, die man den Ostwestfalen nachsagt in seinem Vortrag und auch wie er sein Unternehmen leitet, immer wieder durch. So ging Shoepassion für ein Start-up einen eher untypischen Weg. „Wir haben mit Banken zusammengearbeitet. Unsere Anteile sind damit beim Management, dafür wachsen wir vergleichsweise langsam.“

Ende vergangenen Jahres sorgte Shoepassion mit der Übernahme der Traditionsmarke „Heinrich Dinkelacker“ für Furore – ein Zusammenschluss zwischen einer der ältesten und einer der jüngsten deutschen Schuhmarken. Rebranding, Social Media, Online-Shop und der Aufbau einer Beziehung zu den Endkunden – Heinrich Dinkelacker hat zuvor ausschließlich an Händler verkauft – standen auf dem Programm. In fast allen Shoepassion-Stores findet sich bereits eine Heinrich-Dinkelacker-Ecke. Und man kann nun auf den entsprechenden Internetseiten ganz bequem zwischen der ältesten und der jüngsten Schuhmarke hin und her wechseln. Jung und alt, on- und offline – ein herausragendes Team.

 

Text: Eike Birck

Fotos: Sarah Jonek